Dali – Tag 2 – Powersightseeing

Ohne Jiao, dafuer aber mit grossen Erwartungen, begaben wir uns am fruehen morgen in die deutsche Kolonie, auch Backery 88 oder deutsche Baeckerei genannt. Auf dem Speiseplan standen Kaesebrot und selbstgekochte Marmelade. Frisch gestaerkt machten wir uns danach auf den Weg in das Dali Travel Center, wo uns bereits Mutter und Vater Li erwarteten. Mit dem Auto, natuerlich stilecht im 1998er VW Passat, ging es dann in ein typisches Haus der Bai-Minderheit. Dort konnten wir an einer Teeprobe teilnehmen, die typische Bauweise betrachten und eine kuenstlerisch kulturelle Darbietung in ZDF-Fernsehgarten-Manier (bestes Vollplayback) bestaunen. Da das (Liebes-)Leben als Bai-Frau auf Dauer moeglicherweise recht eintoenig werden koennte, wurde Micha auch direkt mal ein Liebesbeweis in Form eines zugeworfenen Stoffschmetterlings bekundet! Doch fuer drei Dates zum Kennenlernen war keine Zeit, da es im Anschluss direkt weiter zum Mittagessen gehen sollte. In einem kleinen, der Urbanisierung zum Opfer gefallenen Dorf, wurde uns ein pizzaaehnliches Gebaeck aufgetischt. Laut Jiao eine Yunnan-Pizza. Verspeist wurde im Auto, mit dem wir uns bereits auf dem weg zum Er’hai-See befanden. Dort bestiegen wir eine blecherne Nussschale und fuhren auf den See hinauf. Da das traditionell westliche Rollenverstaendnis in China keine Bedeutung hat, wurden wir von einer Frau auf den See gerudert. Dort erwartete uns schon ein Fischer mit seiner Frau (die uebrigens auch gerudert hat) um uns das Fischen mittels Komoranen vorzufuehren. Dazu wurden die Voegel wenig liebevoll, eher rabiat, zu Wasser befoerdert und mittels Rufen zum Jagen animiert. Es dauerte auch nicht lange, da stuerzten sich die Voegel auf den ersten 25 cm Fisch und hackten ihm in 3 Sekunden zu Tode. Der Fischer brauchte dann nur noch den Fisch samt Vogel mit dem Kescher aus dem Wasser heben. Mit einem kleinen Wuergegriff am Hals des Vogels wurde dieser vom Fisch getrennt und anschliessend nur mit einem kleinen Stueck Fisch belohnt. Das ganze Schauspiel ereignete sich noch ein weiteres Mal, bevor wir unter tatkraeftiger Mithilfe europaeischer Oberarme zurueck an Land ruderten. Jiao hielt waehrend der ganzen Rueckfahrt den Bremsfallschirm (Sonnenschirm) in die Luft, um uns richtig zu fordern. Kaum an Land, wurden die vom Vater, direkt auf dem See gekauften fangfrischen Fische im Fussraum des Autos verstaut. Es ging zurueck in die Stadt, wo die Fische im Restaurant zur Zubereitung fuer das Mittagessen des naechsten Tages abgegeben wurden.
Keine fuenf Minuten spaeter hatten wir die Mutter eingeladen und sind mit der gesamten Familie Li in ein buddhistisches Kloster gefahren. Die Fahrt dorthin gestaltete sich allerdings sehr schwierig. Zuerst ist Jiao gefahren, doch sie konnte sich durch ihr unterdurchschnittliche Hupfrequenz nicht im Verkehr durchsetzen, sodass der Vater das Steuer wieder uebernahm. Leider stellte sich eine vermeintliche Abkuerzung als Panzerfahrspur heraus, die von tiefen Pfuetzen (Bodensee?) und schweren Schlagloechern (wir werden uns nie wieder ueber den Muensterplatz beschweren) sowie rauchenden Neunjaehrigen gezeichnet war. Doch der Vater manoevrierte den Passat souveraen ans Ziel, sodass wir mit ihm auch durchaus durch die sibirische Tundra, den hohen Himalaya, die immer heisse Sahara oder den tiefen Mariannengraben gefahren waeren.
Im Kloster wurden wir von einem recht kleinen Mann empfangen. Er war der Meister. Wir konnten uns im Kloster umschauen, den Kindern beim Training zusehen oder dem Meistern beim Pinseln beobachten. Dem Meister wurde von seinen Gefolgsleuten alles hinterher getragen, offenbar sogar mit Spass daran. Das Abendessen, zu dem wir eingeladen wurden, fiel eher karg, da vegan, aus. Ausserdem wurde man haeufig von Mitessern unterbrochen, die sich mit einem buddhistischen „Ami Tofu(?)“ verabschiedeten. Damit neigte sich der Tag auch langsam dem Ende zu. Erschoepft kamen wir wieder im Hotel an und begaben uns zeitnah ins Bett.